Karl Marx (1818 bis 1883): Denker für mehr Menschlichkeit

Karl Marx würde im Mai 202 Jahre alt. Er hat als Erster das System des Kapitalismus umfassend analysiert. Neben der ökonomischen Sicht hat er eine individuelle, anthropologische Perspektive eingeführt und gezeigt, dass der Kapitalismus den Menschen entfremdet.

Gemälde des Philosophen, Ökonomen, Gesellschaftstheoretikers und Protagonisten der Arbeiterbewegung um 1920. Foto: picture alliance
Gemälde des Philosophen, Ökonomen, Gesellschaftstheoretikers und Protagonisten der Arbeiterbewegung um 1920. Foto: picture alliance

Wirkmächtig war die Theorie des Karl Marx: Die vielen Begriffe und Inhalte, die unser Denken bestimmt haben und weiter maßgebend sind: Die Bedeutung der Arbeit, die Entfremdung des Menschen im Kapitalismus, der Mehrwert, die Ausbeutung: Einige Marxsche Ideen sind Allgemeingut geworden. „Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden“. Der entscheidende Beitrag von Marx war, dass er als Erster das System des Kapitalismus umfassend analysiert hat. Hier handelt es sich um eine ökonomische Analyse. Dabei ist Marx aber nicht stehen geblieben. Er hat eine individuelle, anthropologische Perspektive eingeführt und gezeigt, dass der Kapitalismus den Menschen in verschiedenen Dimensionen entfremdet. Diese beiden Perspektiven wurden in der bisherigen Rezeptionsgeschichte des Marxschen Werks unterschiedlich gewertet. Die anthropologische Perspektive wurde vom „dogmatischen Marxismus/Stalinismus“ vollständig negiert.

Arbeit und Entfremdung

Der junge Marx entwickelte in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten von 1844 sein Menschenbild (1). Der Mensch ist das arbeitende, sich durch seine Arbeit produzierende Wesen. Dem sich durch die Arbeit vergegenständlichenden Menschen stellt sich aber ein entscheidendes Hindernis entgegen: die Entfremdung. Entfremdung bedeutet für Marx, „dass der Mensch sich selbst in seiner Aneignung der Welt nicht als Urheber erfährt, sondern die Welt (die Natur, die anderen und er selbst) ihm fremd bleiben“. (2). Der Lohnarbeiter, der seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt als Ware anbieten und verkaufen muss, kann sich in dem Produkt seiner Arbeit – dem Kapital – nicht vergegenständlichen, weil das Kapital eine fremde Macht ist, die ihn beherrscht.

Diese Entfremdung des Arbeiters vom Produkt seiner Arbeit ist die erste, allen anderen zugrunde liegende Form der Entfremdung. Daraus, dass der Arbeiter sich nicht im Produkt seiner Arbeit anschauen kann, folgt, dass auch die Tätigkeit des Produzierens selbst ihm fremd wird. Die Arbeit, die eigentlich menschliche Existenzweise, wird daher beim Arbeiter zu einem bloßen Mittel für die biologische Existenzerhaltung. Daraus folgt, dass der Mensch sich selbst entfremdet ist. Hieraus wieder ergibt sich die letzte Form der Entfremdung, die entfremdeten Beziehungen der Menschen zueinander, das heißt, der Mensch ist nur Mittel zum Zweck. Die Aufhebung der Entfremdung und die Aneignung des menschlichen Wesens durch den Menschen kann nur durch eine Aufhebung der Lohnarbeit erreicht werden. Dazu sind eine sozialistische Revolution und der Kommunismus notwendig. Im Kapitalismus ist die Arbeitstätigkeit in erzwungene, entfremdete und sinnlose Arbeit verkehrt (2). Die Verwandlung der entfremdeten sinnlosen Arbeit in produktive freie Arbeit ist Marxʼ zentrale Orientierung, nicht eine bessere Entlohnung, seine entscheidende Kritik am Kapitalismus ist auch nicht die ungerechte Verteilung des Reichtums.

Ökonomische Analysen

Marx wollte mit wissenschaftlicher Exaktheit die Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft aufzeigen – im Gegensatz zu den utopischen Sozialisten, die die kapitalistische Gesellschaft moralisch verurteilten und ihr ein Ideal entgegenstellten – und aus ihnen die Notwendigkeit der Herkunft einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung ableiten (3). Die ständig mehrwertschaffende Lohnarbeit führt zur Kapitalakkumulation. Das konkurrierende Profitstreben der Kapitalisten bedingt eine ständig wachsende Industrialisierung und Arbeitsteilung. Infolge des zunehmenden Anteils des „konstanten Kapitals“ (Sachmittel) am Gesamtkapital (variables Kapital = Lohnkapital) fällt die Profitrate. Die Klein- und Mittelbetriebe werden konkurrenzunfähig und von den Großbetrieben aufgesaugt (Konzentration des Kapitals). Die Produktivität der Arbeit steigt, die Teilarbeiten werden immer einfacher und damit billiger und es entsteht ein wachsendes Arbeitslosenheer, das die Konkurrenz unter den Arbeitssuchenden verstärkt. Das hat die Verelendung des Arbeiters zur Folge. Durch die Massenproduktion kommt es immer wieder zu Überproduktionskrisen, die zunehmend heftiger werden. Der Widerspruch ist also der, dass bei zunehmendem Reichtum der Gesellschaft das Elend der Massen zunimmt und es gerade in den Zeiten zu Krisen kommt, in denen viel produziert wird. Das liegt nach Marx daran, dass die unter dem Industriekapitalismus entwickelten Produktivkräfte über die Produktionsverhältnisse (Eigentumsverhältnisse) der bourgeois-kapitalistischen Gesellschaft hinausgewachsen und in einen Gegensatz zu ihnen getreten sind. Die Produktionsverhältnisse sind immer mehr zu Fesseln der weiteren Entwicklung geworden. Der Charakter der Produktivkräfte ist ein gesellschaftlicher und diesem verdanken sie ihre Größe, aber die Aneignungsweise der Produkte ist nach wie vor eine private.

Dieser Widerspruch wird nach Marx durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln beseitigt. Für die gewaltige Steigerung der Produktivität der Arbeit war die Epoche des Kapitalismus notwendig. Erst nachdem die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aus Entwicklungsbedingungen der Produktion zu Fesseln desselben geworden sind, hat die proletarisch-sozialistische Revolution Chancen auf Erfolg und weltgeschichtlichen Sinn. Die menschliche Geschichte hat Marx als Geschichte von Klassenkämpfen konzipiert, bei der sich immer zwei Klassen feindlich gegenüberstehen.

Marx’ Leben in Armut

Marx war nicht ausschließlich Theoretiker, er war auch publizistisch und politisch als Revolutionär tätig. Bei politischen Aktionen mahnte er zur Vorsicht. Er war im englischen Exil von Armut betroffen und musste viele Jahre lang um seine Existenz und die seiner Familie kämpfen: Wäre er ein zeitgenössischer Forscher gewesen, hätte er vielleicht eine Professorenstelle an einer Universität gehabt, ein gesichertes Einkommen und einen guten Rahmen für seine Forschungen. Dann würde sein Werk heute wohl anders aussehen, es wäre nicht so unvollendet, wie Neffe (4) es interpretiert. Eine Ungereimtheit: Sein Freund Friedrich Engels hat ihn zwar finanziell unterstützt, doch nicht dergestalt, wie er es sich hätte leisten können. Armut und Krankheiten zehren Marx und seine Ehefrau Jenny. Vier von sieben Kindern starben in den 1850er Jahren früh im Kindesalter.

Polarisierende Interpretation

An der Interpretation von Marx schieden und scheiden sich die Geister. Für einige war und ist er ein Gott, im Extrem wurden aus seinen Lehren Gesetze und Dogmen gemacht, für andere war er ein Verbrecher oder der Urheber von Verbrechen. Im Namen des Kommunismus und des Marxismus, aber nicht im Sinne von Marx, sind millionenfache Verbrechen verübt worden, wie Courtois und andere ausführlich zusammenfassend und rückblickend beschrieben haben (5). Marx selbst hat sich gegen die Dogmatisierung seiner Analysen ausgesprochen.

Entgegen anderen Stimmen kann eine Kontinuität im Denken von Marx angenommen werden, die von seinen frühen zu den späteren Schriften, auch zu seinem Hauptwerk „Das Kapital“ führt. Die Geister scheiden sich auch an der Frage, ob Marx primär als historische Figur des 19. Jahrhunderts gesehen werden sollte und seine Botschaften auch für dieses Jahrhundert gedacht waren und weniger oder nicht für das 21. Jahrhundert. Einige Stimmen behaupten, dass er mit seiner Analyse des entfesselten Systems des Kapitalismus die globalisierte Welt unserer Tage bis hin zur Finanzkrise vorausgesagt habe, so im „Kommunistischen Manifest“ (6).

Fromm hat Marx und Freud verglichen und Marx als den bedeutenderen Denker hervorgehoben (7). Der Soziologe Norbert Elias hingegen hat Freud hervorgehoben, und Marx diesem gegenüber abgewertet.

Als erster bedeutender Kritiker des Kapitalismus geht Marx in die Geschichte ein. Im Lauf der letzten Jahrzehnte hat der Kapitalismus die moralischen und sozialen Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders ausgehöhlt. Viele Menschen haben von der kapitalistischen Warenproduktion materiell profitiert und konnten und können damit gut leben. Sie sind nicht verelendet, wie Marx prophezeit hat. Aber die kapitalistischen Systeme bedrohen das Überleben der Menschheit, beispielsweise beim menschengemachten Klimawandel.

Mit den Formen der Entfremdung hat Marx auch beschrieben, welche Art von Zurichtung das „Ich“ in der spätkapitalistischen Gesellschaft erfahren muss, damit es den Anforderungen genügt, die zum möglichst reibungslosen Funktionieren des Systems erforderlich sind: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Aber er hat auch gezeigt, dass das kein feststehendes Naturgesetz ist, sondern veränderbar: Menschen sind die Akteure ihrer Geschichte. Für Marx stand als Ziel die Herstellung nicht-entfremdeter Verhältnisse und die freie Tätigkeit aller Menschen im Vordergrund. In der dem Kapitalismus nachfolgenden Gesellschaftsformation, dem Sozialismus, soll der Mensch seine wahren Bedürfnisse verwirklichen können.

Nach Marx kann ein Abschied von der Theorie und von den Gewissheiten festgestellt werden und eine Ersetzung durch die pragmatischen Anforderungen der Gegenwart. Neffe sieht ihn als den Unvollendeten, der eine große Fläche für Projektionen bietet. Marx kann so als Philosoph der Freiheit und Denker für mehr Menschlichkeit gesehen werden, der eine grundlegend andere, eine „bessere“ Zukunft ermöglicht. Joachim Koch

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0518