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Die russische „Revolution" von 1917: Der Aufstand des Proletariates!

04.12.17
DebatteDebatte, Sozialismusdebatte 

 

Von Siegfried Buttenmüller

1917 gilt als Jahr der Revolution in der Geschichte Rußlands. Je nach Partei wird dieser weltpolitisch bedeutenden Ereignisse entsprechend gedacht und die jeweilige politische Richtung wird gerechtfertigt. In diesem Artikel soll jedoch dem Proletariat gedacht werden und dem unsägliche Leiden und Opfer die den Menschen von den Herrschenden Klassen aufgezwungen wurden. Die Sichtweise vom Standpunkt der soziale Basis der Gesellschaft aus soll außerdem mit den Methoden der wissenschaftlichen Gesellschaftsanalyse verstärkt werden. Außerdem ist die historische Forschung erheblich breiter und umfangreicher geworden und die zusammengetragenen Ergebnisse sind heute mit der Vernetzung leicht zugänglich und prüfbar.

Die russische Gesellschaft war tief in Klassen gespalten. Das Proletariat, also die unterdrücktesten Klassen und Schichten der Bevölkerung, bestand in Rußland damals zu über 90 Prozent aus rechtlosem Landproletariat das in der Landwirtschaft und mit dieser im direkten Zusammenhang stehenden Berufen tätig war. Die Regel war Großgrundbesitz mit meist Tausenden Landarbeitern sowie unterstützenden Gewerken wie Schmiede, Müller, Wagner, Zimmermänner, Köche usw. Dieses Proletariat war rechtlos und bekam für die Arbeitskraft kaum genug zum überleben, geschweige denn das etwas angeschafft werden konnte. Der Arbeitstag hatte 12 bis 16 Stunden und auch die Kinder der Proletarier wurden bereits als Arbeitskräfte extrem ausgebeutet. Schulen gab es für die Proletarierkinder nicht und auch keine Gerichte die Menschenrechtsverletzungen geahndet hätten. Die Prügelstrafe und härtere Strafen wurden nach Klasseninteressen und Gutdünken verhängt. Um dieses Terrorregime zu erhalten hatten die herrschenden Klassen Rußlands bereits im Frieden weit über 2 Millionen Soldaten und Polizisten unter Waffen die auch jeden Aufstand blutig nieder schlugen oder flüchtige Proletarier jagten. Unterkünfte, sanitäre Einrichtungen, Verpflegung und Versorgung des Proletariates genügte den einfachsten Anforderungen nicht. Ganz im Gegensatz zu den Herrschenden Klassen die von Arbeit freigestellt waren und üppig lebten und den „schönen Künsten" frönten.

Die Herrschenden Klassen waren die Besitzer der Produktionsmittel, also Großgrundbesitzer mit den riesigen Agrarbetrieben inklusive Nebenbetrieben wie Getreidemühlen, Schmieden und sonstigen Gewerken. Ein bekanntes Beispiel wären die Bronstein aus dem Süden des Zarenreiches, aus dem „Trotzki" entstammte. Außerdem gab es bereits im Zarenreich in Rußland eine riesige Bürokratie aus teils geadelten Staatsbeamten, Offizieren der Armee usw. Beispiel wäre die geadelte Beamtenfamilie Ulianow, der „Lenin" entstammte. 
Die Kinder der Herrschenden Klassen brauchten nicht zu arbeiten und wurden in Schulen geschickt, wo sie mit ihres Gleichen lernen durften. Kontakte zu Proletarierkindern gab es keine und praktische Arbeit kannten sie auch nicht denn dafür hatten die Herrschenden Klassen das Proletariat.

Über allem Stand der Zar als Kaiser der diese Klassengesellschaft regierte und repräsentierte. Rußland war jedoch ein sehr abgelegenes Land das nur über sehr weite und teure Transportwege Handel treiben konnte. Auch das Land selbst war sehr groß und dünn besiedelt so daß der Austausch von Waren auch auf dem Binnenmarkt wegen langer Wege sehr teuer und aufwendig war. Von der Hauptstadt St. Petersburg bis zur alten Hauptstadt Charkow im Süden wären es schon 1500 Km gewesen mit Moskau auf halber Strecke.

Rußland war seit je her praktisch ein Kolonialland gewesen das den angeworbenen Neusiedlern vor allem sehr viel Land und kostenlose Arbeitssklaven zu bieten hatte. Im Grunde war Rußland sehr lange eine Sklavenhaltergesellschaft, die jedoch wegen der weite des Landes und der abgelegenen Lage eine sehr große Bürokratie aus Offizieren, Staatsbeamten und Adel gebraucht hatte. Diese Herrschenden Schichten und Klassen waren wegen ihrer großen Anzahl und ihrer hohen Ansprüche jedoch sehr teuer. Außerdem mußte für diese herrschenden Klassen immer viel importiert werden.
Das trotz der Mega Ausbeutung des Proletariates entstehende Staatsdefizit wurde wie bei allen Imperialistischen Ländern möglichst durch Expansion in alle Richtungen ausgeglichen. So auch bis in das Jahr 1905 wo die Zaren versuchten große Gebiete in China und Korea unter Kontrolle zu bringen. Der Krieg mit Japan war jedoch eine vernichtende Niederlage für die Zaren mit Hunderttausenden Toten Soldaten und dem Verlust fast der gesamten Flotte. 
Diese Niederlage verschlechterte die Lage noch mehr und führte Rußland in eine tiefe Krise mit Aufständen des Proletariates, die jedoch nach einiger Zeit wie immer Niedergeschlagen wurden. 
Allerdings zeigte sich vor allem für die Jugend in den Schulen der herrschenden Klassen das diese Gesellschaft und damit Sie selbst in ihr keine Zukunft hatten. Zudem zeigte sich das sich der westliche Kapitalismus und eine bürgerliche Gesellschaft in Rußland so nicht herausbilden konnte. Es bildeten sich in der Bürokratie unzählige Zirkel aller politischen Richtungen. Darunter auch radikale Sozialrevolutionäre deren Ziel die Abschaffung der Klassengesellschaft gewesen war. Alexander Iljitsch Uljanow, der Bruder Lenins, war schon ganz früh dabei gewesen aber wegen der Planung eines Aufstandes bereits 1887 hingerichtet worden. Die Sozialrevolutionäre (Narodniki) hatten hohes Ansehen beim Proletariat und wurden bis 1917 stärkste politische Kraft in Rußland. Diese Partei hatte die Abschaffung der Klassengesellschaft zum Ziel und war in der 2 Internationale mit Beobachterstatus vertreten. Sie lebten oft mit und für das Proletariat und bauten immer wieder Netzwerke von unten gegen die Herrschenden Klassen auf. Ein Teil davon lebte jedoch lieber in der Schweiz und anderen Westeuropäischen Ländern und entwickelte sich zu Gegnern des Befreiungskampfes des russischen Proletariates. Sie blickten vor allem auf Deutschland wo sich zentral in Europa durch Schaffung eines riesigen Binnenmarktes und guter Vernetzung des Landes mit den neuen Eisenbahnen ein kapitalistischer Aufschwung ereignet hatte. Auch hier gab es noch viel Landproletariat doch wuchs die Lohnarbeiterschaft sehr stark durch immer mehr Fabriken die sich in allen Städten entwickelten. Und gestützt auf diese Lohnarbeiterschaft entwickelte sich auch die deutsche Sozialdemokratie zur international stärksten Massenpartei.

Diese Entwicklung bestärkte die Herrschenden Klassen Rußlands in ihrer Verachtung des Landproletariates, daß ihnen als rückständig, ungebildet, schmutzig, primitiv usw. galt. Die Adligen Georgi Plechanow, Pawel Borissowitsch Axelrod, Wera Iwanowna Sassulitsch, Lew Grigorjewitsch Deitsch und Wassili Ignatow gründeten in der Schweiz die russische Partei „Befreiung der Arbeit". Sie war der Kern und der Vorläufer der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands" (STAPR), die sich 1898 schließlich in Minsk gründete und vollkommen auf eine sich angeblich auch in Rußland entwickelnde Lohnarbeiterklasse orientierte. Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich später Lenin nannte, begab sich ebenfalls zu dieser Gruppe in die Schweiz. Bis in das Jahr 1917 spielte er jedoch eine untergeordnete Rolle.

Diese Gruppe wendete sich vollkommen vom Wissenschaftlichen Sozialismus von Karl Marx und Friedrich Engels ab. Diese hatten speziell in Rußland eine soziale Revolution des Landproletariates erwartet und einen Sozialismus auf Basis der Landkommunen für möglich gehalten. Marx und Engels standen der Lohnarbeit und bürokratischen und herrschenden Klassen grundsätzlich feindlich und kritisch gegenüber.

Trotz ihres Revisionismus, ihrer falschen Perspektiven und ihrer Verachtung für das russische Proletariat und des Landproletariates allgemein behaupteten die Vertreter der Sozialdemokratischen Lohnarbeiterpartei Rußlands jedoch, Marxisten zu sein. Grundlegende Werke des Marxismus wurden von ihnen entsprechend abgeändert und als Fälschungen in Rußland verteilt. 
Dem trat die Gruppe Internationale mit Rosa Luxemburg entgegen. Sie übersetzte die Schriften von Marx und Engels richtig in das russische und entlarvte die Fälscher. In den Teilen Polens und Litauens die zum Zarenreich gehörten, gründeten sie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Polens und Litauens (SDKPiL) und gewannen dort stark an Einfluß. Beim Aufstand nach der Niederlage des Zaren im russisch / japanischen Krieg von 2005 organisierte Sie in vorderster Reihe im Zarenreich und sehr erfolgreich Demonstrationen und Streiks des Proletariates. 
Auch in Rußland, Deutschland, Frankreich und international gewann die Gruppe an Einfluß, wurde aber extrem verfolgt. Die sogenannte „Unterdrückung" der Bürokraten sah dagegen so aus das sie nach Sibirien umziehen mußten. Dort behielten sie jedoch alle Privilegien und ein staatliches Einkommen, Hausangestellte usw. Auch konnte man von dort leicht „flüchten" wenn es ihnen in der Schweiz eben besser gefiel. Das war mit der blutigen Unterdrückung des Proletariates und dessen schweren Lebensbedingungen überhaupt nicht zu vergleichen.

Die Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems spitzte sich bis 1914 zu und die imperialistischen Großmächte wollten diese Krise jeweils auf Kosten der anderen Mächte lösen. Alles drängte zunächst auf den „Kranken Mann am Bosporus", wie das einst mächtige Osmanische Reich damals genannt wurde. Für das Regime der Zaren ging es um wichtige Seehäfen zum indischen Ozean, den Zugang zum Mittelmeer und als Etappe um mehr Einfluß auf dem Balkan und natürlich darum mehr Proletariat zum ausbeuten zu bekommen. Für die bürgerlich / kapitalistischen Regime von England, Frankreich und später auch den USA um mehr Kolonien und mehr Einfluß auf die immer wichtiger werdende Ölregion am Golf, und natürlich auch darum mehr Proletarier zum Ausbeuten unter Kontrolle zu bringen. 
Dem kapitalistischen Regime in Deutschland ging es um selbige Regionen um per Eisenbahn (Bagdadbahn) Rohstoffe aus der Region und dortige Märkte für sich zu erschließen. Dazu mußten die Regime des Osmanischen Reiches und von Österreich / Ungarn unterstützt werden, damit diese „ihr" Proletariat unter Kontrolle behalten konnten. 
Marxisten mobilisierten alle Kräfte um den drohenden Weltkrieg zu verhindern, wurden international aber verfolgt und ermordet oder wie Rosa Luxemburg eingesperrt. Sie organisierten 1915 die internationale Zimmerwaldkonferenz aus Kriegsgegnern, die sich gegen jeden Krieg und jeden Kapitalismus positionierte und damit einen Kontrast zu den dem Proletariat feindlich gegenüberstehenden Strömungen bildete, die Kriegskredite bewilligten und mit verschiedenen Kriegsparteien paktierten. Der Krieg war bis dahin Beispiellos, an zahlreichen Fronten entwickelten sich immer wieder blutige Schlachten die auf jeder Seite immer wieder Hunderttausende Tote und ebensoviel Verwundete zum Ergebnis hatten, ohne das eine der Herrschenden Klassen wirklich „siegen" konnte. 
Auch das Proletariat in allen Ländern wurde vom Krieg schwer getroffen. Dringend benötigte Arbeitskräfte sowie Nahrungsmittel, Pferde und sonstige Güter wurden den Proletariern und der Produktion entzogen und für den Krieg verbraucht. Die jeweiligen Herrschenden Klassen hätten ewig mit diesem sinnlosen Krieg und dieser menschenfeindlichen Politik weiter gemacht doch das Proletariat lehnte sich zunehmend auf. 
Das Landproletariat war für diesen Krieg eingezogen worden, verweigerte aber zunehmend die blutigen Befehle der Herrschenden Klassen. Vor allem in Österreichungarn, im Osmanische Reich, in Italien und in Frankreich wankten diese Regime und hielten nur mit Unterstützung von den Regimen in Deutschland oder den USA noch.

Das Regime in Rußland stand im Osten allein, auch die Offensive des Generals Brussilow geriet am Ende zum blutigen Pyrrhussieg mit abermals Hunderttausenden Opfern auf beiden Seiten Ab Ende 2016 machte das Proletariat zunehmend nicht mehr mit, auch das Proletariat das in die Zarenarmee zwangsrekrutiert worden war nicht. In der Hauptstadt St. Petersburg kam es im Februar 1917 zunehmend zu Streiks wegen der schlechten Versorgungslage und der der sich weiter verschlechternden Arbeitsbedingungen, unter denen für den Krieg produziert werden mußte. 
Die Demonstrationen und Arbeitsverweigerungen der Zivilgesellschaft nahmen die zur Zarenarmee zwangsrekrutierten Proletarier zum Anlaß sich zu solidarisieren. Die Adligen und die Bürokratie des Zarenregimes wurden aus den Betrieben gejagt die Soldaten setzten ihre Offiziere ab und alle wurden durch Arbeiter und Soldatenräte ersetzt. In Moskau und anderen Städten geschah selbiges und das besonders unterdrückte Landproletariat neigte so oder so zum Aufstand, auch die wo zwangsrekrutiert waren. 
In Rußland schaffte das Proletariat den Aufstand und wurde damit zur Avantgarde des internationalen Proletariates, das sich zunehmend gegen ihre Herrschenden Klassen wendete. Im bürgerlich / kapitalistischen Deutschland verweigerten 1918 die Matrosen der Flotte den Befehl und wurden zum Auslöser zur Gründung von Arbeiter und Soldatenräten im ganzen Land, wodurch der 1 Weltkrieg im Westen faktisch beendet wurde.

In Rußland wurden die Zaren im Februar 1917 von den Bürokraten zur Abdankung gezwungen, nur so konnte das Proletariat und ihre Arbeiter und Soldatenräte vor weitergehenden Aktionen abgehalten werden. Die Bürokratie des Zarenreiches geriet in eine Krise und bildete unter dem Druck des Proletariates erst einmal eine „provisorische Regierung". Diese Leute waren „gebildet" und wußten durch Kenntnisse der großen Französischen Revolution was in der Luft lag, nämlich eine für sie sehr nachteilige Diktatur des Proletariates. Die Debatten in diesen Kreisen über die Zukunft ihrer Gesellschaft und wie das zu vermeiden sei, hatten auch schon viele Jahre gedauert. Es gab unzählige Zirkel in dieser Bürokratie und alle Richtungen waren in sich noch zerstritten und gespalten. Bei den Zaristen gab es Hardliner und „Reformadel", Vergleichbar mit dem reaktionär von Goethe in Deutschland. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands hatte sich allmählich gespalten. Bei den Menschewiki gab es Zentristen die wie in Deutschland Kautsky glaubten das der Sozialismus irgendwann in 100 Jahren vielleicht auf der Tagesordnung stünde oder Lassalljaner die an das funktionieren des Kapitalismus glaubten. In den Bolschewiki hatte der Marxismus zunehmend an Einfluß gewonnen, war aber durch internationale Verfolgung geschwächt. Außerdem gab es in den Bolschewiki auch Zentristen und auch dem Lassaljanertum Vergleichbare. Die mit Abstand stärkste Partei waren jedoch die Sozialrevolutionäre, sie hatten bei dem Landproletariat und den daraus rekrutierten Soldaten das größte Ansehen. Ihre besten Leute waren allerdings auch unterdrückt und dem Terror des Regimes und der Bürokraten zum Opfer gefallen, so wie Alexander Uljanow. Auch die Partei der Sozialrevolutionäre war inzwischen in sich über das ganze politische Spektrum gespalten wie die Splittergruppen der STAPR. Die Parteien bildeten eher lose Zusammenhänge von lokalen Zirkeln, in denen meist alle oder viele Richtungen vertreten waren. Öfter wechselten ganze Zirkel oder Personen der Bürokratie die Parteien.

Nun hätten all diese Zirkel spätestens konkret werden müssen aber die Mehrheit war am Erhalt der Klassengesellschaft und ihrer persönlichen Privilegien interessiert. 
Die „Übergangsregierung" wurde zunächst von der Liberaldemokratischen Partei (KD, Kadetten) geführt, die im zaristischen Rußland geduldet und gefördert war und deswegen stärkste Partei der zaristischen Duma war. Der Krieg wurde von dieser Regierung fortgesetzt, lediglich die Zaren waren zur Abdankung gezwungen worden, ansonsten blieb alles beim alten, nur daß die Räte des Proletariates in Stadt und Land noch immer großen Einfluß hatten und Druck machten. Diese Partei verschwand allerdings nach den Wahlen und den Neuwahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung. Im Mai 1917 wurde in Rußland eine neue Regierung unter Alexander Kerenski gebildet. Der war wie Lenin auch adliger Herkunft und stammte ebenso aus Simbirsk. Ein typischer Bürokrat jener Zeit und Advokat in eigener Sache, der immer wieder die Partei wechselte und zeitweilig den Kadetten, verschiedenen Splittergruppen der STAPR oder dem Rechten Flügel der Sozialrevolutionäre zugerechnet wurde. Diese „gebildeten" Bürokraten konnten vor allem sehr gut reden und lügen, während sie doch eigentlich nur sehr primitiv waren und nur ihre eigenen Interessen und die ihrer Klasse vertraten. 
Kerenskis Plan war den Krieg fortzusetzen und die gegnerischen Imperien zu besiegen und darauf basierend die Klassengesellschaft Rußlands zu stabilisieren. Auf der Grundlage sollte es dann angeblich mit Reformen von oben weitergehen, genau wie das Zarenregime schon immer versprochen hatte. Doch die militärischen Offensiven Kerenskis endeten wieder in einem blutigen Patt, wieder starben auf beiden Seiten Hunderttausende Soldaten und die Klassengesellschaft Rußlands geriet noch tiefer in die Krise.

Zudem war den Herrschenden in Deutschland die Krise in Rußland nicht verborgen geblieben und sie versuchten darauf Einfluß zu nehmen und davon zu profitieren. 
Lenin hatte bis Anfang 1917 in Rußland und international keine große Rolle gespielt. Er war zusammen mit dem führenden Menschewiken Martow und Anderen in der Redaktion einer Sozialdemokratischen Zeitung mit Namen Iskra gewesen. Er schloß sich allerdings den Bolschewiki an, hatte dort aber nie großen Einfluß. Sein Zirkel soll bis 1917 nie mehr als 10 Prozent der Bolschewiki umfaßt haben und er soll allenfalls einmal als beratendes Mitglied ohne Stimmrecht im Zentralkomitee (Parteivorstand) der Bolschewiki gewesen sein. 
Politisch war Lenin stets ein Gegenspieler der Marxisten vom Rechten Flügel gewesen da er in seinen zentristischen Auffassungen noch weiter ging als die Menschewiki, die ihn von Links kritisierten. Er war noch stärker auf die in Rußland nicht vorhandenen Lohnarbeiter fixiert, noch stärker von der angeblichen Notwendigkeit der Gründung von bürgerlichen Nationalstaaten überzeugt und glaubte noch fester an eine Etappentheorie, derzufolge in jedem Land extra eine kapitalistische Ära vor dem Sozialismus sein müßte. Und auch er verachtete das Proletariat das in Rußland faßt nur aus Landproletariat bestand, das angeblich von einer „Avantgarde" regiert und erzogen werden müßte. Und gerade er gehörte und stammte aus der privilegierten und geadelten Bürokratie des Zarenreiches. 
In seiner Schrift: „Was Tun" legte er bereits 1902 seine undemokratischen Pläne vor die zu einer Partei und Diktatur der privilegierten Bürokratie unter seiner Führung führen sollte. Die Partei wäre zentralistisch und bürokratisch organisiert worden und hätte ausgerechnet nur noch ihm zu folgen gehabt. 
Damit kam er in der STAPR, der Bolschewistischen Splittergruppe und überhaupt jedoch gar nicht an. Die Spaltung der STAPR vollzog sich wegen der Linkswende der Bolschewiki unter Marxistischem Einfluß. Es entwickelte sich in dieser Gruppe eine Jahre andauernde Programmdebatte die in dem Programm der Bolschewiki von 1918 mündete. Lenin hatte zwar viele Anträge gestellt, konnte sich aber Inhaltlich überhaupt nicht durchsetzen. Federführend waren unter anderem Nikolai Iwanowitsch Bucharin der zusammen mit Jewgeni Alexejewitsch Preobraschenski auch das „ABC des Kommunismus", die populäre Erläuterung des Parteiprogrammes, schrieb
Auf der Zimmerwalder Konferenz von 1915 in der Schweiz, in der sich Marxisten und Kriegsgegner sammelten und die als internationale Keimzelle der neuen Kommunistischen Parteien gilt, war Lenin vollkommen isoliert. Nicht einmal seine von ihm mobilisierten und bezahlten Leute mochten seiner Linie folgen. 
Daher diskutierte Lenin hernach mit Unterhändlern der Deutschen Herrschenden Klassen und der Reichswehr. Diese waren am Zusammenbruch des Regimes in Rußland interessiert und ab Februar / März 1917 ergab sich die Gelegenheit. Lenin wurde vom Deutschen Regime samt großem Gefolge per Eisenbahn und sehr großzügiger Unterstützung in Rußland eingeschleust. Gut ausgestattet baute Lenin dort einen bürokratischen Parteiapparat mit vielen Parteibüros und vielen bezahlten Angestellten auf. So veröffentlichte er seine „April Thesen" die verkürzt in der Parole „Brot !, Friede ! Land !" mündete und die das Ziel einer bürokratischen Diktatur unter seiner Führung hatten. Die Aprilthesen hatten nichts mit dem Parteiprogramm der Bolschewiki oder dem Marxismus zu tun sondern waren reiner Opportunismus und Lügen, mit denen die Diktatur der Bürokratie erreicht werden sollte. Brot gab es von Lenin keines denn seine Politik führte zu noch schlimmerer Hungersnot. Frieden gab es mit Lenin nicht sondern allenfalls ein Frontwechsel der zum noch schlimmeren Krieg mit anderen Mächten und zum Bürgerkrieg führte. Mit der Forderung nach Land war die Privatisierung und Verteilung des Landes an Kleinbauern gemeint. Mit dieser Forderung wollte Lenin die Unterstützung der Sozialrevolutionären Partei durch das Landproletariat untergraben. Allerdings war auch diese rechte „Landreform" eine Lüge denn den Bauern wurde die Ernte später komplett und ohne Gegenleistung abgenommen. Nachdem die Räte als Machtorgan des Proletariates von den Bürokraten zerschlagen wurden. Zudem forderten die Bürokraten um Lenin „Alle Macht den Räten", allerdings nur um sie unter eigene Kontrolle zu bringen und die eigene Machtergreifung wenigstens zum Schein zu legitimieren. Die Räte wurden von Lenin nie akzeptiert sondern umgehend von allen Kritikern gesäubert. Der Verrat und das scheitern Kerenskis und anderer Bürokraten und Advokaten der „Übergangsregierung" einerseits und der Rechtsschwenk der Bolschewiki mit Unterwanderung durch Lenin und seiner Bürokratie andererseits führten zum erstarken der Bolschewiki, die zum Sammelbecken der privilegierten Schichten des Zarenreiches wurden. 
1917 und 1918 brachte die Bürokratie noch Lenins Schrift „Staat und Revolution" heraus. Hier verfälschte Lenin Marx und Engels erneut indem er die Machtergreifung des Proletariates mit seiner angeblichen Avantgarde und seiner Bürokratendiktatur ersetzte.

Das Proletariat ist in Rußland 1917 durch die verschiedenen Manöver der Bürokratie mehrfach verraten und getäuscht worden. Zuerst von den provisorischen Regierungen und dann auch von Lenins Bürokratie. Zudem wurde der Krieg noch schlimmer da sich der erste Weltkrieg auf russischem Boden weiter fortsetzte und noch Jahre andauerte. Deutschland und Verbündete zerschlugen für Lenin die weiße provisorische Regierung die sich im Süden des Zarenreiches gebildet hatte und besetzten dort große Gebiete die dann auch komplett ausgeplündert wurden. Die anderen Mächte unterstützten und bewaffneten die Gegner des leninschen Regimes so daß der Krieg auf dem Rücken des Proletariates noch Jahre andauerte. 
Die Bolschewiki nahmen unter Lenin jeden Bürokraten in ihre Reihen auf. Auch Schlächter wie die zaristischen Generale und Offiziere wie Brussilow und Tuchatschewski. Mit der berüchtigten „Schlageter Rede" des leninistischen Bürokraten Karl Radek wurde deutlich, daß die Leninisten nunmehr auch mit Nationalisten und Nazis Bündnisse machten. Wichtig war nur „die Partei", womit das bürokratische Regime gemeint war. Diese Politik wurde mit dem Hitler-Stalin Pakt später fortgesetzt.
Langsam wurden die Räte des Proletariates im Bereich Militär, in der Produktion und auf dem Land durch willfährige Bürokraten ersetzt. Militärische Ränge wurden wieder eingeführt und selbstverständlich gab es für alle Bürokraten Privilegien wie sie im Zarenreich schon üblich waren. Der sogenannte „Bürgerkrieg" war ein Krieg gegen das Proletariat, daß sich auch gegen die Ausbeutung gegen die Bolschewiki mit Aufständen über Jahre zur Wehr setzte.

Lenin selbst fühlte sich Ende 1917 „vom Keller an die Spitze gekommen, ihm drehte sich der Kopf", wie er von Zeitgenossen zitiert wurde. Damit dies auch so blieb veranlaßte er die Gründung des Geheimdienstes Tscheka, um politische Gegner zu unterdrücken. Dieses Hochgefühl dauerte allerdings nicht lange denn schon im September 1918 lag er endgültig im Keller. 
Im August 1918 hielt Lenin in einer Fabrik eine seiner Propagandareden, in der er seine Politik rechtfertigte. Diskussionen, Aussprachen oder Kritik des Proletariates wurden wie üblich nicht zugelassen. 
Beim Verlassen der Fabrik wurde er jedoch von mehreren Kugeln getroffen und schwer verletzt. Als angebliche Attentäterin nahm der bolschewistische Geheimdienst Fanja Kaplan fest, die ihn kritisierte. Auf Basis eines angeblichen „Geständnisses" das die Tscheka bei ihrem Verhör aufgenommen hatte und ohne Gerichtsverfahren wurde die Sozialrevolutionärin hingerichtet. Danach wurde ihr Leichnam komplett vernichtet, vermutlich um Folterspuren zu vernichten. 1922 wurde die Tscheka in GPU umbenannt und angeblich sämtliche Unterlagen über diesen und zahllose andere Morde vernichtet. 
Ein Motiv Lenin zu ermorden hatte allerdings fast jeder nicht nur Kaplan die eben Opposition war. 
Lenin war ab da jedenfalls stark eingeschränkt, doch gab es in den Bolschewiki genügend War Lords wie Trotzki, Swerdlow, Stalin und Tuchatschewski, die zahlreiche Aufstände des Proletariates und des konkurrierenden weißen Flügels der Bürokratie nieder schlugen. Lenins schlechter Zustand wurde von den Bolschewiki jedoch herunter gespielt und als er an den Folgen des Angriffes starb wurde er ausgestopft und weiterhin als Ikone verwendet.

Wie Kerenski setzte auch der rote Flügel der Bürokratie seine militärischen Offensiven gen Westen fort und scheiterte damit genau wie dieser in der Schlacht bei Warschau und wieder mit Hunderttausenden Toten.

Unter dem Strich war die angebliche „russische Revolution" ein Kampf der Bürokratie mit dem Proletariat. Die Bürokratie konnte sich in einem Jahre andauernden Kampf durchsetzen und einen Kapitalismus unter Kontrolle der Bürokratie etablieren und den Sozialismus des Proletariates verhindern. Der Klassenkampf hatte sich als blutiger Motor der Geschichte erwiesen und war und ist bis heute nicht beendet. Dem Terror der Bürokratie vielen in Rußland noch Millionen zum Opfer.

Natürlich gab es unter dem bürokratischen Regime auch Fortschritte, mit denen das Regime teils noch heute gerechtfertigt wird. Eine sogenannte „Bildungsreform" doch ist Bildung kein Wert an sich. Nicht immer aber oft sind die „Gebildeten" sogar eigentlich die rückständigen die nur angepaßte Winkeladvokaten in eigener Sache sind. Schon Marx kritisierte diese angebliche „Bildung" in seinem Kommentar zum Gothaer Programm und stellte klar, das eben der Staat der rauhen Erziehung durch das Proletariat unterzogen werden muß und nicht umgekehrt. 
Solche „Reformen" wie sie die Bolschewiki durchzogen waren auch gar nicht links und eine breite gesellschaftliche Debatte unter Führung des Proletariates hätte in Rußland sicher besseres ergeben. Lenins Landprivatisierung war schon grober Unfug und blanker Opportunismus gewesen und total gescheitert, so wie auch die folgende „Neue Ökonomische Politik" (NÖP) reinster Kapitalismus war und immer wieder scheiterte. Aber die Macht der Bürokratie ist eben für Leninisten das wichtigste, nicht das Proletariat oder die Gesellschaft die sich selbst organisiert.

Mit der heutigen Vernetzung und den heutigen Produktivkräften sind die Chancen auf Überwindung der Klassengesellschaft erheblich besser. Herrschende Klassen und herrschende Bürokratien müssen abgeschafft werden. Zukunft gibt es nur mit Demokratie und sozialer Gleichheit.

 

4.12.2017
Siegfried Buttenmüller


Völkermord an den Armeniern: Die Bürokraten sind schuld! 


Khatchkar

08.06.16
InternationalesInternationales, Debatte 

 

Von Siegfried Buttenmüller

Der Bundestag hat eine Resolution verabschiedet, in der er den Völkermord an den Armeniern „anerkennt". Dies soll angeblich ein Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte sein. Der Bundestag besteht jedoch aus lauter Politiker Bürokraten mit großen Privilegien und die eigentlichen Hauptschuldigen diesen und anderen Greueltaten haben sie mit keiner Silbe erwähnt. 

Besagter Völkermord fand in den Jahren 1915 / 1916 statt, Millionen Armenier wurden Opfer von Vertreibung und / oder kamen um. Wie war es zu diesem Völkermord und den weiteren Blutbädern in jener Zeit gekommen ?

Die  SPD war wie die anderen sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien vor dem 1 Weltkrieg strikt gegen jeden Krieg und gegen jeden Militarismus gewesen. Auf der Basis wurde die Partei bei den Reichstagswahlen von 1912 mit 34,8 Prozent die mit Abstand stärkste Partei, so viele Stimmen wie noch nie eine Partei im Kaiserreich bekommen hatte..

Allerdings starb 1913 der inzwischen betagte August Bebel und die Bürokraten der SPD stimmten mit den anderen Parteien für die sogenannten Kriegskredite, mit Ausnahme des Abgeordneten Karl Liebknecht, der als einziger bereits im Dezember 1914 dagegen gestimmt hatte. Diese „Kredite" waren Zwangsanleihen, die Betriebe, Banken usw. dem Staat geben mußten, um den Krieg zu finanzieren. Eine Rückzahlung wurde „nach einem Sieg" im 1 Weltkrieg durch Reparationen und Raubzüge in besetzen Ländern in Aussicht gestellt. Dafür stimmte das ganze damalige Parlament einschließlich der SPD, mit Ausnahme des Abgeordneten Karl Liebknecht.

Ohne diese Kriegskredite und vor allem die Zwangsanleihen, hätte der 1 Weltkrieg und im Zuge dessen der Völkermord an den Armeniern und die weiteren Blutbäder mit Millionen Toten nicht stattfinden können. Die Reichswehr brauchte große Summen und auch die wenigen Verbündeten wie Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Ein sehr teurer und wesentlicher Punkt des 1 Weltkrieges war der Bau einer Eisenbahnlinie von Deutschland über den Balkan und die Türkei bis in den Irak sowie nach Saudi Arabien, wo wertvolle Rohstoffe zu holen waren und Absatzmärkte lockten. Um diese Bahn zu realisieren war es nötig das zusammenbrechende Reich der Osmanen und der aufkommenden türkischen Nationalbewegung zu stärken und im Gefolge dieser Strategie sollten feindliche Völker wie die Armenier „umgesiedelt" und vertrieben werden. Der Völkermord hängt also unmittelbar und ganz wesentlich mit der Entscheidung der Bürokraten im deutschen Reichstag zusammen, für die Kriegskredite und Kriegsanleihen und damit für die Kriegspolitik, zu der auch der Völkermord an den Armeniern gehörte, zu stimmen.

Nach dem 1 Weltkrieg verbündete sich die Bürokratie unter Ebert sogar mit dem Militär und faschistischen „Frei Corps", um mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring und weiteren Spartakisten die Kritiker an Bürokratie, Krieg und Völkermorden ermorden zu lassen.

Davon war im Bundestag aber keine Rede, mit keiner Silbe wurde die schuld des Parlamentes erwähnt. Aus Sicht der hochprivilegierten Bürokraten im Bundestag sind „die Türken" schuld am Völkermord und müssen ihn „anerkennen". Auch „die Deutschen" sind für sie noch Mitschuld wobei der Verrat der damaligen Bürokraten an den Wählern und die Verantwortung des Parlamentes jedoch vertuscht wird.

Eine Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern und den anderen Blutbädern zur Zeit des 1 Weltkrieges kann so nicht stattfinden.  Diese kann von Bürokraten auch nicht geleistet werden denn Sie unterstützen auch heute verschiedene Regime und Kriegsparteien und im Zuge dessen haben sie blutige Hände und tragen Verantwortung für die Blutbäder und Völkermorde, die heute im Gange sind. Sie sind heute nämlich noch viel Rechter als die SPD damals gewesen ist.

Um die heutigen Völkermorde und Kriege zu unterbinden und die vergangenen aufzuarbeiten ist ein Kampf gegen die privilegierte Politikerkaste unausweichlich. Schon Rosa Luxemburg hat die Bürokratie als Phänomen der kapitalistischen Gesellschaft kritisiert und in ihr die große Gefahr erkannt. Die Privilegien der Politiker müssen deshalb abgeschafft werden damit demokratische Diskussionen und eine wirkliche Aufarbeitung der Vergangenheit stattfinden kann, und damit es in Zukunft besser werden kann.

Deutsche, Türken, Russen und alle Menschen der Nationalitäten sollten sich daher von solch privilegierten Bürokraten nicht gegeneinander hetzen lassen, sondern deren Maske herunter reißen. Zukunft gibt es nur ohne Bürokratie denn mit ihr gibt es nur Kapitalismus, Niedergang, Krieg und Völkermord. .

Siegfried Buttenmüller, 8.6. 2016


Zum Ableben von Altkanzler Helmut Kohl 


Helmut Kohl 2012; Foto: Konrad Adenauer Stiftung, Marie-Lisa Noltenius via Wikipedia Commons

18.06.17
DebatteDebatte, Politik 

 

Der Architekt des Kapitalismus

Von Siegfried Buttenmüller

Am 16 Juni 2017 verstarb Altkanzler Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren.  Kohl war 16 Jahre lang Bundeskanzler und hat mehrere weltgeschichtliche Wendepunkte als Architekt und Visionär des Kapitalismus entscheidend mitgeprägt. Diese Wendepunkte waren das Ende der Sozialliberalen Politik in der BRD durch die erste Regierung Kohls im Jahre 1982, das Ende der DDR mit „Wiedervereinigung" und auch das Ende des „Sozialismus" in den Ostblockstaaten nach 1989 sowie die Gründung der Europäischen Union 1993. Kohl machte den Durchmarsch weil sich weit und breit keine nennenswerte Linke Opposition gegen den Kapitalismus herausgebildet hatte.

Kohl war mit 14 Jahren gerade noch um den Zwangsdienst in Hitlers Wehrmacht herum gekommen, sein älterer Bruder war jedoch bei einem Angriff von Tieffliegern getötet worden. Diese und weitere Erlebnisse in der Zeit in und unmittelbar nach dem 2 Weltkrieg prägten den jungen Kohl. Er hatte das Gefühl der „Gnade der späten Geburt", das er den Krieg und den Faschismus nicht mehr als Täter oder Opfer erleben musste. Als junger Kanzler wollte er dies ab 1982 deutlich machen und als Vertreter einer neuen Generation von Deutschen gelten, die mit den Verbrechen des Nazi Regimes nichts mehr zu tun hatte. Dies war ein Punkt seiner „geistig moralischen Wende" die er mit Antritt seiner Kanzlerschaft umsetzen wollte.  Damit scheiterte er jedoch endgültig als er 1985 US Präsident Ronald Reagen dazu überredet hatte, mit ihm zusammen auf dem Soldatenfriedhof Brüm in der Westpfalz einen Kranz niederzulegen. Kohl war wie viele Konservative in dem Glauben das der Faschismus und der Weltkrieg so etwas wie eine Strafe Gottes und zwangsläufig waren. Das Kapitalistische Wirtschaftssystem stellte er nie in Frage und folgte der Politik des CDU Wirtschaftsministers und Kanzlers Ludwig Erhard, der den Kapitalismus mit Hilfe der USA in der BRD restaurierte und umformte. Den damaligen wirtschaftlichen und politischen Umbruch in der BRD nach dem zweiten Weltkrieg studierte und verfolgte der junge Kohl ganz genau. An der Universität Heidelberg studierte er Geschichte und Staatswissenschaften, 1958 wurde er mit der 161-seitigen Dissertationsarbeit „Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" zum Dr. phil promoviert.

Der Zusammenbruch der Ostblockstaaten und der DDR sowie die Gründung der Europäischen Union waren ähnliche Wendepunkte der Geschichte wie der nach dem zweiten Weltkrieg und Helmut Kohl war in diesen Zeiten als Kanzler für das Kapital der fähigste Visionär und Architekt. Im November 1989 legte er dem Bundestag sein „10 Punkte Programm" vor, der die nun geöffnete DDR der BRD mit Perspektive einer Konföderation oder Vereinigung allmählich kapitalistisch angleichen sollte. Helmut Kohls 10 Punkte Plan sah aber darüber hinaus gleichzeitig noch die Gründung der Europäischen Union vor, der auch Staaten Südeuropas und Osteuropas beitreten können sollten. Kohl hatte im kapitalistischen Lager den Überblick und legte eine Gesamtstrategie vor, die alle Parteien der kapitalistischen Schwatzbude Bundestag total überraschte. Auch die Westmächte und die Regierung der Sowjetunion waren total überrascht und überrumpelt und hatten keine Alternativen zu Kohls Strategie. Kohls Plan schloß die westlich kapitalistische Langzeitstrategie des „Wandel durch Annäherung", die von dem US Präsidenten J.F. Kennedy ab 1963 ausgerufen worden war und der die Sozialliberale Koalition gefolgt war, mit Erfolg ab.

Helmut Kohls Strategie war die Antwort auf die damaligen Sachzwänge des Real existierenden Kapitalismus. Das Kapital brauchte Deregulierungen, Bürokratieabbau, weniger Staat, offene und größere Märkte, freien Kapital und Personenverkehr, Investitionsmöglichkeiten, Vereinheitlichungen usw. Außerdem drohte dem westlichen Kapitalismus große Gefahr durch eine Destabilisierung der DDR und der anderen Staaten oder einen Umsturz zu echtem Sozialismus. All diesen Sachzwängen des nationalen und internationalen Kapitales und des kapitalistischen Systems verarbeitete Kohl zu seinem Plan. Und er wurde auch der besonderen Lage Deutschlands und den damaligen Interessen aller Großmächte gerecht. Pragmatisch und mit großem Geschick auch bei der Umsetzung setzte Kohl die von ihm beschriebene Strategie für den Kapitalismus um und knüpfte auch an seinen Vorgänger als Kanzler, Helmut Schmidt, an, der ein Buch: „Strategie für den Westen", veröffentlicht hatte.

  Kohl beendete den „Revanchismus" der innerhalb der Union mit dem sogenannten „Stahlhelmflügel" noch gut vertreten war. Grenzen und Fakten wurden anerkannt und er suchte und fand sogar persönliche Beziehungen und Freundschaften mit den von ihm eigentlich verhaßten Führern der staatskapitalistischen Regime, deren Zusammenbruch er lange Zeit vorhersah. Den SED Chef Honecker lud er zu sich privat in die Pfalz ein zum berühmten „Saumagen" Essen. Die Menschen im Osten und vor allem die Bürokraten bekamen das Gefühl, daß man mit dem Westen gute Beziehungen pflegen konnte. Auch mit Gorbatschow, Jelzin und anderen Führern pflegte er die „Männerfreundschaften". Das Überlaufen der Führer und der Bürokratien dieser staatskapitalistischen Länder zum westlichen Kapitalismus war der wichtigste Baustein in der Strategie des Westens. Die breite Masse der Menschen dieser Länder wurde der Propaganda der angeblichen Freiheit und des angeblichen freien und unbegrenzten Konsums der Güter im westlichen Kapitalismus unterworfen. Die kompletten Führungen dieser Länder mitsamt der Geheimdienste und der ganzen Bürokratien liefen komplett in das Lager des westlichen Kapitalismus über und durften sich sogar persönlich erheblich bereichern. Dafür mußte Kohl seine eigentliche Verachtung die er gegen den angeblichen „Kommunismus" hatte,  zurückstellen. Nach der Grenzöffnung der DDR von 1989 drohten aus Kohl`s Sicht zunächst Linkssozialistische Experimente, demokratischer Sozialismus oder ähnliches. Der CDU Vorsitzende und Kanzler reagierte darauf energisch, die Blockparteien wie die DDR CDU wurden kurzerhand rehabilitiert und anerkannt, obwohl sie am ganzen Regime der DDR ihren Anteil hatten und die ganze Politik immer verteidigt hatten. Auch der größte Teil der SED lief zum westlichen Kapitalismus über, auch Gregor Gysi trachtete stets danach sich und seine neue PDS im westlich kapitalistischen System zu integrieren und anerkannt zu werden.

Politisch gesehen gab es kaum Widerstand gegen Kohl`s Strategie der Restauration des westlichen Kapitalismus in der DDR und in ganz Osteuropa sowie auch seines weiterer Planes zur Gründung der Europäischen Union nicht. Die Bürokratien im Osten hatten ihre Macht und ihren Staatskapitalismus Jahrzehnte zementiert und vor allem jede Linke oder sonstige Opposition verfolgt und vernichtet. Mehr und mehr auch in Zusammenarbeit und „Männerfreundschaft" mit Kohl und anderen Vertretern des westlichen Kapitalismus, die „großzügig" investierten und Kredite vergaben. Besondere Probleme wie die Anwesenheit von Millionen Soldaten der Sowjetunion in der DDR und anderen Osteuropäischen Staaten löste er auch mit „Bravour". Deutschland nahm einfach im Gegenzug Menschen aus dem Bereich der Sowjetunion als Rußlanddeutsche auf und unterstützte Jelzin usw. auch finanziell bei der Eingliederung der Soldaten. Auch die Umwandlung des formellen Staatseigentums in Privateigentum gelang durch die sogenannte „Treuhand". Die Einrichtung der „Gauck Behörde" sicherte kapitalistische und staatliche Interessen bei der Aufarbeitung der DDR Staatssicherheit, die im wesentlichen auch von der BRD übernommen und integriert wurde. Erhebliche Probleme bereitete jedoch der krisenhafte Kapitalismus selbst und das bis heute. Die Strohfeuer des Kapitalismus die Kohl mit seiner Strategie möglich gemacht hatte, sind längst verbrannt.

Kohl begann seine Kanzlerschaft mit der „Wende" in der alten BRD von 1982. Die offizielle Strategie der SPD Kanzler Brand und Schmidt war es gewesen, den Kapitalismus durch Sozialreformen allmählich zu überwinden, also ein „Sozialismus" im Kapitalismus. Es hatte anfänglich Reformen zu Gunsten der Masse der kleinen Leute gegeben doch geriet diese Politik zwangsläufig in die kapitalistische Sackgasse. Die Sozialreformen wurden durch eine Ausweitung des Handels mit dem Ausland, der Erschließung neuer Märkte, Staatsverschuldung, einer Ausweitung der Geldmenge, Ausweitung des Konsums usw. bezahlt. Solch eine Politik muß natürlich an seine Grenzen geraten denn der Kapitalismus benötigt soziale Ungleichheit, den Mangel an Gütern und möglichst freien Kapital, Waren und Personenverkehr. An eine wirkliche Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems dachte die Sozialdemokratie nicht, auch nur wenige sonstige Linke und auch die staatskapitalistischen  Diktaturen im Osten nicht. So blieb der Kampf der Sozialdemokratischen Linken rein defensiver Natur, bei der Verteidigung sozialer Errungenschaften innerhalb des Kapitalismus.

Kohl konnte sich auf Millionen Vertriebene stützen und auch auf Millionen Spätaussiedler, die negative Erfahrungen mit dem "Sozialismus" hatten. Zudem hatte er viel Unterstützung aus den zu seiner Zeit noch konservativen Kirchen, aus Unternehmerkreisen und natürlich vom großen Kapital mit seinen Massenmedien. Dadurch war er in der Lage nationalistische Kräfte in Schach zu halten. Selbst das sozialpolitische Terrain wurde von Kohl nicht kampflos der „Linken" Opposition überlassen. Dünnhäutig und im Glauben auch sozial zu sein und ungerecht beurteilt zu werden,  kämpfte er gegen die Sozialproteste, einmal in Halle sogar mit Fäusten. Sein damaliger General Heiner Geisler startete Gegenkampagnen zur angeblichen „Mietenlüge", „Rentenlüge", „Erblast" usw. Daher war Kohl unangefochten der langjährig Kanzler der BRD.

Kohl hatte praktisch freie Bahn und die nützte er voll aus weil es vor allem wirtschaftlich keine echte Linke Opposition gab.

 

Damals wäre schon der Kampf für ein Bedingungsloses Einkommen nötig gewesen statt dem Staat und den Bürokraten zu vertrauen oder sich von ihnen unterdrücken zu lassen. Der Sozialismus kann sich nur von unten entwickeln durch beständige Aufklärung über die verschiedenen Ausformungen des Kapitalismus und die Propaganda für eine Sozialistische Alternative, die vor allem ein Alternatives Wirtschaftssystem zum Kapitalismus ist. Und der Sozialismus kann nicht in einem Lande sondern nur International und gesamtgesellschaftlich erkämpft werden. Dafür gibt es heute bessere Bedingungen als je zuvor.

Helmut Kohl war ein Realist, ein Fachmann mit Übersicht, ein Pragmatiker und Realpolitiker mit Gespür für das was durchsetzbar war und was nicht, das können wir von ihm lernen. Solche Eigenschaften braucht es auch im Kampf für die Gesellschaft der Zukunft. Diese kann nicht kapitalistisch sein und die Alternative ist auch nicht der Staatskapitalismus wie er meinte. Die Zukunft und der Sozialismus sind ganz anders, das war sein wirklich großer Irrtum.

Siegfried Buttenmüller, 17.6.2017


 
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